Das österreichische Bildungswesen – oder treffender gesagt Un- Bildungswesen – scheint endlich wieder zur Vernunft zu kommen. Wie jetzt berichtet wird, hebt der Bildungsminister einige sogenannte Reformen auf, die seine Vorgängerinnen eingeführt hatten. Die Schule soll wieder das werden, was sie lange Zeit nicht mehr war: Ein Ort, an dem die Kinder etwas lernen. Wo sie auch lernen, dass auch Leistung erbracht werden muss, dass Leistung gefordert wird. Es soll wieder eine leistungsorientierte Beurteilung mit Noten von „sehr gut“ bis „nicht genügend“ kommen und ein Schultyp soll in „Leistungsorientierte Mittelschule“ umbenannt werden. Und es soll für schwache Schüler, die hinter dem Lehrplan zurückbleiben, die das Lernziel nicht erreichen, wieder die Möglichkeit zum „Sitzenbleiben“ geben. Um mit einem Wiederholen der Klasse das Lernziel zu erreichen. Es ist ja am allerwenigsten dem Kind selbst gedient, wenn es im „geistigen Blindflug“ in die nächsthöhere Klasse aufsteigen darf. Wenn die Kinder ohne entsprechendes Wissen automatisch von einer Klasse in die nächste Klasse aufsteigen, darf man sich über schlechte und schlechter werdende PISA- und PIAAC- Platzierungen nicht wundern und auch nicht über alarmierende Berichte, dass es bei vielen Schulabgängern an Grundkenntnissen mangelt. Dass sie nicht sinnerfassend lesen können, dass es im Rechnen und im Schreiben gravierend hapert, dass diese jungen Menschen knapp davor stehen, als Analphabeten eingestuft zu werden. Schon vor Jahren gab es laut Schätzungen von Bildungsforschern etwa 300.000 sogenannte funktionale Analphabeten in Österreich. Und ein österreichisches Magazin schrieb vor fünf Jahren: „Analphabetismus: Eine Million kann kaum lesen und schreiben“. Es geht also hauptsächlich um lesen und schreiben. Man darf sich dann auch nicht wundern, wenn Unternehmen nicht nur über fehlende Lehrlinge klagen, sondern auch über das Bildungsniveau jener, die sich als Lehrlinge bewerben.

Es ist nur zu hoffen, dass die jetzt beschlossenen Reformen was bringen. Dass endlich die – viel zu spät – fast kriminell zu nennende Vorgangsweise beendet wird, bei der die schlechtesten Schüler das Tempo in der Klasse vorgegeben haben. Dieses politisch motivierte Schulwesen ist gescheitert, aber so was von gescheitert und wenn jetzt „Fachleute“ aus der Opposition bezüglich der neuen Reformen von einer „Reise in die Vergangenheit“ sprechen oder den „Notendruck auf die Jüngsten“ beklagen, dann erklären sie sich mitverantwortlich für die Bildungsmisere. Einige Regierungsmitglieder waren erst kürzlich in Singapur und Hongkong, „um hinter die Kulissen von Singapurs erfolgreichem Bildungssystem zu blicken …“ und auch in Hongkongs Schulsystem wurde betrachtet. Dort gibt es „Notendruck für die Jüngsten“, aber sie zählen zu den besten der Welt. Unserer querschießenden Opposition kann man nur sagen: „Nicht genügend. Setzen!“

Hoffentlich werden im Zuge dieser Reform auch gleich Aktivitäten gesetzt bezüglich jener Zustände an Schulen in Wien und im gesamten Österreich, auf die die Lehrerin und Gewerkschafterin Wiesinger erstmals im Frühjahr und vor ein paar Wochen nochmals mit der Veröffentlichung ihres Buches aufmerksam machte. Aus trauriger Erfahrung ist allerdings zu befürchten, dass außer totschweigen und schönreden von der Politik nicht viel zu erwarten ist. Der Zug ist wahrscheinlich abgefahren, weil die Politik zu feige zum Handeln ist.

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