Ein paar Tage vor dem eigentlich schon lange fixierten Austrittstermin der Briten aus der EU wird die Sache immer verworrener. Alles, was die britische Premierministerin May in letzter Zeit mit der EU aushandelte, wurde vom britischen Parlament abgelehnt. Die EU- Kommission kann ihr angeblich nicht weiter entgegenkommen, als sie ihr – wiederum angeblich – schon entgegen gekommen ist. Eine Verschiebung des Brexit ist im Gespräch und niemand weiß, bis zu welchem Datum (und viele hoffen, für immer). Die Briten fordern angeblich ihren Rücktritt und in der EU fragen sich viele, wie lange sich die Premierministerin noch halten kann.
  Dass die EU- Kommission und viele nationale Politiker von EU- Staaten den Brexit trotz anderslautender Berichte um jeden Preis verhindern wollen, ist ein offenes Geheimnis. Da geht es weniger um das Geld, welches nach dem Brexit vom Nettozahler Großbritannien in der EU- Kasse fehlen würde – das wären immerhin etwa 6 Milliarden nach Abzug der Förderungsrückflüsse nach Großbritannien. Da geht es vielmehr um den verletzten Stolz, um das beschädigte Selbstbewusstsein der Brüsseler Clique. Es muss doch sehr schmerzen, wenn ein Mitglied nicht mehr zufrieden ist und die Scheidung einreicht.
  Es ist aber nicht so, dass alle Briten den Brüsseler Bürokraten den Rücken kehren wollen. Wie schon beim Referendum im Juni 2016 ersichtlich war, dass das Lager der Befürworter eines EU- Austrittes ziemlich gleich stark war wie das Lager der Austritts- Gegner, so ist es auch jetzt noch. Allerdings machen die Austrittsgegner schon lange Druck und mobilisieren alle Kräfte, um ein zweites Referendum durchzusetzen und gelogen und übertrieben wird da auf beiden Seiten. Die Austrittsgegner malen den Teufel an die Wand für den Fall eines tatsächlichen Austrittes, sie schildern Horrorszenarien. Die Austrittsbefürworter touren durch das Land und behaupten das Gegenteil. Und bei der Anti- Austrittsbewegung kommt auch wieder der amerikanische Milliardär George Soros ins Spiel. Er soll laut einer britischen Zeitung schon im Vorjahr begonnen haben, mit etwa 5 Millionen Pfund den Brexit zu stoppen. Ein früherer britischer Kabinettsminister sagte damals zu dieser geplanten Manipulation der Briten: “Wähler im ganzen Land werden angewidert sein, da George Soros glaubt, er könne sein Vermögen ausgeben, um die Richtung unseres großen Landes zu bestimmen” und ein Führer von “Leave means Leave” meinte: George Soros … wird mit seinen elitären Freunden vor nichts halt machen, um den Brexit aufzuhalten …”
  Und in letzter Zeit hat sich viel getan, um den Brexit zu stoppen. Mehr als 4 Millionen Briten unterzeichneten eine Online- Petition für einen Verbleib der Briten in der EU und jetzt gab es in London eine Großdemo mit mehr als einer Million Teilnehmern laut Veranstaltern, die sich für einen EU- Verbleib aussprachen und die Organisatoren von “People´s Vote” fordern ein zweites Referendum, mit dem nochmals über den Brexit- Deal abgestimmt werden soll.
  Die EU sympathisiert mit einer zweiten Abstimmung, denn die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass die Brexit- Gegner eine knappe Mehrheit erreichen würden. Allerdings wäre das ein fatales Signal; es würde bedeuten, dass man in Zukunft, sofern es in der EU jemals wieder ein Referendum geben sollte, eben so oft abstimmt, bis das Ergebnis passt. Das wurde ja auch schon gemacht und es wurden auch schon Abstimmungsergebnisse im Vorfeld für unverbindlich erklärt. Eine solche Vorgangsweise ist aber ein weiterer Schritt weg von demokratischen Regeln und von den hochgelobten “Werten”. Aber wen juckt das schon, wenn es um das große Ganze geht.
  Bemerkenswert ist, dass über die Großdemo in London fast nichts berichtet wurde.
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